Sehr geehrter Herr Merkli
In Ihrer Funktion als Geschäftsführer von Pro Velo Schweiz haben Sie in der «NZZ am Sonntag» vom 23. August einen externen Standpunkt unter dem Titel «Velohelme erhöhen das Unfallrisiko» geschrieben. Die bfu wendet sich entschieden gegen diese Behauptung. Sie ist ebenso falsch wie verantwortungslos. Zahlreiche verunsicherte Bürger – vor allem auch Eltern und Lehrer schulpflichtiger Kinder – haben sich besorgt mit der Frage an uns gewandt, ob sie denn ihre Zöglinge mit dem Velohelm zusätzlichen Gefahren aussetzen würden...? Die bfu hält deshalb an dieser Stelle nochmals mit aller Deutlichkeit fest: «Ein grosser Anteil der tödlich verunfallten Velofahrenden stirbt an Kopfverletzungen. Ein passender, gut sitzender Helm reduziert die Wahrscheinlichkeit diverser Kopfverletzungen um etwa 70% (Sicherheitsdossier Fahrradverkehr, Seite 227).» Es gibt weltweit keine einzige Studie, die dem Helm überhaupt keine Schutzwirkung zusprechen würde – gestritten wird lediglich um den Grad dieser Wirksamkeit. Der Velohelm ist also mitnichten ein Risikofaktor, sondern eine sinnvolle Präventionsmassnahme. Er verhindert zwar – ähnlich wie der einst auch heiss umstrittene Sicherheitsgurt – logischerweise keine Unfälle, kann aber sehr wohl tragische Todesfälle verhindern und die Verletzungsschwere erheblich reduzieren.
Diese etablierte Meinung wird zwar nicht von Ihnen, Herr Merkli, aber offensichtlich doch von anderen Gremien der Pro Velo geteilt. Wie sonst ist es zu erklären, dass auf der Pro-Velo-Website unter Sicherheitstipps der Velohelm explizit empfohlen wird? Da steht – beispielsweise – unter Helmtipps: «Pro Velo empfiehlt das Tragen eines Velohelms als Massnahme zur Minderung von Unfallfolgen.» Und unter «Radschläge – Die 10 goldenen Tipps für sicheres Velofahren» stösst man unter Tipp 9 gar auf den altbekannten bfu-Slogan «Kluge Köpfe schützen sich» (siehe Illustration). Dass die Radfahrenden folgerichtig auf fast sämtlichen Website-Bildern die schützenden Helme tragen und bei Velofahrkursen von Pro Velo ein Helmobligatorium (!) gilt, vermag da kaum mehr zu überraschen.
Ihr Artikel enthält aber – erfreulicherweise – auch mit der bfu-Sichtweise übereinstimmende Ansichten. Zahlreiche Forderungen der Pro Velo – wie beispielsweise bauliche Massnahmen für den Veloverkehr – sind auch für die bfu zentral. So halten wir in unserem umfassenden Sicherheitsdossier Fahrradverkehr (2005) ausdrücklich fest, dass die Sicherheit der Radfahrenden vor allem durch Verbesserungen der Infrastruktur sowie durch eine defensive und regelkonforme Fahrweise erhöht werden kann. Problemlos akzeptieren wir auch die Haltung der Pro Velo, sich dezidiert gegen ein allgemeines Velohelmobligatorium auszusprechen. Die bfu setzt sich allerdings überzeugt für ein Velohelmobligatorium für Kinder bis 14 Jahre ein. Es wird Aufgabe der Politik sein, bei der Behandlung der Via-sicura-Vorlage in dieser Frage einen konsensfähigen Entscheid zu treffen. Für Erwachsene plädiert die bfu weiterhin für die Eigenverantwortung und das freiwillige Tragen des Velohelms. Wir werden uns auch künftig gemeinsam mit unserer Kampagnenpartnerin Suva dafür einsetzen, die Velohelmtragquote zu steigern und so einen substantiellen Beitrag zur Verminderung von Schädel-/Hirnverletzungen zu leisten. Und selbstverständlich stehen auch die von ihnen geforderte obligatorische Verkehrserziehung durch Fachpersonen in der Schule und die kontinuierliche Verbesserung der Infrastruktur weit oben auf unserer Prioritätenliste.
Freundliche Grüsse
bfu
Brigitte Buhmann, Dr. rer. pol.
Direktorin
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Quelle: www.pro-velo.ch